Zeitzeugen berichten über Nuklearkatastrophe von Tschernobyl

Bereits zum zweiten Mal besuchten die Zeitzeugen Juriy Wazkel und Valentina Daschkewitsch zusammen mit zwei Übersetzerinnen das Goethe-Gymnasium, um Schülerinnen und Schülern der Jgst. 9 in Begleitung der Lehrer Michael Kosler und Fabian Kimmeyer über die atomare Katastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986 zu informieren. Moderiert wurde die zweistündige Veranstaltung im Rahmen der Europäischen Aktionswochen „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ durch den Schulseelsorger Christoph Moormann und Reinhard Jansing von der Initiative "Den Kindern von Tschernobyl".

Der 1956 geborene Ingenieur Wazkel schilderte den Schülerinnen und Schüler der Differenzierungskurse eindrucksvoll, wie er Ende Mai 1986 als Reservist der Armee aus Kiew in das Dorf Oranoje abgeordnet wurde und als Liquidator für die Beseitigung von Trümmerteilen des explodierten Reaktors 4 arbeiten musste. Da er mit seiner Brigade bis Mitte Juli ohne Schutzanzüge Schutt und Asche vom Dach des Reaktors entfernen musste, hat er schwere gesundheitliche Schäden erlitten. Seit 1991 ist er als Invalide anerkannt und bis heute wegen der gesundheitlichen Spätfolgen in Behandlung.

Die Mathematik-Lehrerin Valentina Daschkewitsch (geb. 1958), die heute in Minsk lebt, arbeitete damals als Lehrerin ca. 50 km von Tschernobyl entfernt. Zu ihren Aufgaben gehörte es, evakuierte Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren in Hoiniki zu versorgen. Erst Ende Mai 1986 wurde genehmigt, die Kinder vor Ort – darunter die eigenen Kinder der Lehrerin – zur Erholung in nicht verstrahlte Regionen zu schicken. Auch Valentina Daschkewitsch' Betroffenheit war spürbar, wenn sie verdeutlichte, wie spärlich die Informationspolitik in der damaligen Sowjetunion war.

Jansing und Moormann lieferten Hintergrundinformationen und erläuterten den Jugendlichen die Ursachen der europaweiten Verstrahlung und die verheerenden gesundheitlichen Auswirkungen der massiven Freisetzung von Radioaktivität. Die Initiative „Den Kindern von Tschernobyl“, die 1992 gegründet wurde, engagiert sich daher für Kinder zwischen 7 und 15 Jahren aus dem Bezirk Mogilov (ca. 220 km von Tschernobyl entfernt), indem ihnen durch einen vierwöchigen Aufenthalt im Tecklenburger Land eine "Auszeit vom Leben mit radioaktiver Strahlung" ermöglicht wird. Für die Ferienerholung werden in jedem Jahr Gastfamilien gesucht. Moormann regte durch Hinweise auf den Atomunfall in Fukushima sowie die Kernkraftwerke in Deutschland, Belgien und Frankreich zur Auseinandersetzung mit der Sicherheit von Atomenergie an.

Die jugendlichen Zuhörer, die in Fragerunden ihr großes Interesse dokumentierten, spürten, wie wichtig es den Zeitzeugen ist, am Beispiel des eigenen Schicksals unermüdlich auf die Gefahren radioaktiver Strahlung aufmerksam zu machen. Dies gelang ihnen am vergangenen Mittwoch erneut nachhaltig.